Auf den Spuren Messners - U17 und U16 im Trainingslager
Tomas Zivcic, 29.08.2010
Montag: Ankunft
Die U17 und U16 fuhr mit einem Tross von 25 Spielern, bei einem Kader von 38 Mann, zu ihrem obligatorischen Trainingslager ins österreichische Obertraun. Die Reise führte uns in das dortige Bundesnachwuchsförderzentrum, um im dortigen Jutel und dem eigens angemieteten Kunstrasen direkt vor der Haustüre optimale Trainingsbedingungen zu haben. Schon am ersten Tag, nach zwei absolvierten Trainingseinheiten und einigen theoretischen Einleitungen, wurde eines deutlich: Trotz der durchweg gemischten Zusammensetzung von Jungen und Alten, Deutschen und Migranten, sozial schwächer und stärker gestellten Spielern wurde den Trainern die Integrationsarbeit äußerst leicht gemacht. Die Jungs grenzten nicht aus, sondern konnten eine durchweg homogene Gruppe bilden, in der jeder seinen Platz hatte, und das gegen viele im Vorfeld immer wieder aufgebrachten Vorurteile, Gerüchte und Befürchtungen.
Dienstag: Das Gespenst aus alten Tagen
„Jeder, der denkt, er könnte eine Mannschaft allein mit Erfahrung und Intuition trainieren redet Unsinn.“
Wie in allen Trainingslagern ab der U14 bis zur U17 steht natürlich das „teamtaktische Teambuilding“, wie es Rinus Michels erarbeitet hat, im Vordergrund. Die Spieler sollten innerhalb einer vorgegeben Aufstellung (4-3-3) und einer vorgegebenen Spielweise (auf Ballbesitz) Basisaufgaben und Automatismen erlernen und einüben. Die Ziele wurden dabei gemeinsam formuliert: Den attraktivsten Fußball in den Ligen zu spielen und zu beweisen, dass man damit Erfolg haben kann. Jedem Spieler wurde dabei schnell klar, dass es sich um reine Selbstverständlichkeiten handelt. Es ist immer noch nicht nach zu vollziehen, dass es Leute gibt, die glauben, dass man 11:11 spielen kann ohne klare Aufgabenverteilungen und Absprachen innerhalb des Teams (man nennt es eben jetzt Basisaufgaben und Automatismen) und wenn man diese nicht als Trainer mit beeinflusst, entwickeln die Spieler eben ihre eigenen, nur ist man dann als Trainer völlig hilflos und liefert sich dem Zufall aus. Früher brachte man einem Manndecker bei, eng am Gegner zu stehen und vor ihm am Ball zu sein, heute kommen eben richtiges Zonenverhalten und einige offensive Aufgaben hinzu, aber im Grunde hat sich da nichts geändert, genauso wie Laufwege schon immer mit Stürmern trainiert wurden und Absprachen stattfanden, die in bestimmten Situationen eingehalten wurden.
Unsere Jungs erarbeiteten sich in der Auseinandersetzung mit theoretischen Fragestellungen und vielen abwechslungsreichen Trainingseinheiten selber die besten Mittel und Wege, wie sie unseren Spielstil umsetzen wollen. Darunter besprachen wir auch die Vorteile unserer Art Fußball zu spielen: Junge Spieler brauchen Ballkontakte und Aktionen am Ball, um sich weiter zu bringen, und das können sie eben am besten mit einer Spielweise, in der sie ständig in Ballkontrolle sind. Wenn wir also sagen, dass unser Spielstil an das eines Ajax Amsterdam, eines FC Barcelona, eines FC Bayern (unter van Gaal), eines Spaniens und seit der WM 2010 eines Deutschlands angelegt sei, meinen wir damit nicht, dass wir dieses Niveau haben und spielen wollen, aber bei diesen Mannschaften muss jeder Spieler ständig zeigen, dass er Fußball spielen kann und genau DAS verlangen wir hier auch!
Mittwoch: Spiel gegen Bad Goisach
Nach dem Morgen- und Vormittagstraining stand am Nachmittag das Spiel gegen das österreichische Team aus Bad Goisern auf dem Programm. Das Schwierigste an dem Ganzen sollte an diesem Tage die Anreise werden. So idyllisch und ansehnlich kleine Stadtkerne und enge Gässchen auch sein können,als Reisegruppe, die in einem 12 Tonnen Reisebus unterwegs ist, wird man schnell ein Freund von sechsspurig ausgebauten Asphaltwüsten. Das Spiel selber wurde mit 9:2 (0:2) für unsere Kicker entschieden, wobei sich die Überlegenheit erst in der zweiten Halbzeit deutlich in Tore ausdrückte. Dies wird auch für die Saisonspiele oftmals gelten. Die Gegner können grundsätzlich durch Laufarbeit und Einsatz in den ersten vierzig Minuten vieles ausgleichen, was sie technisch und taktisch missen, aber spätestens in der zweiten Hälfte, wie sich auch im Spiel gegen den Landesligisten vom SE Freising zeigte (4:4 Halbzeit 1:3), können unsere Jungs meistens die Konzentrationsschwächen des Gegners gnadenlos bestrafen.
Donnerstag: Dem Himmel so nah, dem Jutel so fern
Die Nationalmannschaft lässt in Person von Reinhold Messner den Berg zu den Spielern kommen. Die U17 und U16, welche nicht über die ausufernden Mittel eines DFB verfügt, muss da schon selber anpacken, um zum Berg zu kommen. Der malerische Dachstein war am heutigen Tag das Ziel, genauer gesagt die „Fünf Finger“ Aussichtsplattform in etwa 2100 Metern Höhe. Voller Tatendrang packte Bergführer Florian Schober seine durchweg skeptischen Mannen und den fast rebellierenden Mittrainer zu einer unvergesslichen und abenteuerlichen Besteigung mit ein. Mit der Gondel ging es erst einmal zur Mittelstation, die in etwa 1300 Metern Höhe angesiedelt ist. Sie bietet neben einigen Souvenirshops, die durchweg Einwegrucksäcke verkaufen, auch zwei kulturelle Höhepunkte, die Eishöhle und die Mammuthöhle. Letztere war auch das Ziel unserer kleinen leichtbekleideten Truppe, da die Eishöhle schon letztes Mal auf dem Programm stand. Bei malerischen 2 Grad Celsius besichtigten wir mit studentischer Führung und anderen wetterfest angezogenen Reisenden 45 Minuten das riesige Höhlensystem. Ein Mammut war zwar nicht zu sehen, da die Höhle diesen Namen nur ihren gewaltigen Ausmaßen zu verdanken hat, nicht weil irgendwann einer der bepelzten Riesenelefanten hier seine letzte Ruhestätte fand, aber dafür konnten wir beweisen, dass der Mensch durchweg bei diesen Temperaturen in der Lage ist auch ohne Pelz zu überleben.
Nachdem wir mit wehleidigem Blick unseren beiden angeschlagenen Spielern hinterher sahen, die in der Gondel dem Gipfel entgegen schwebten, begann das eigentliche Vorhaben. Was als Bergwanderung vorgestellt wurde, entpuppte sich als kleinere Bergbesteigung über 700 Höhenmeter hinweg. Zwischen steinigen Felskuppen, wildwachsenden Sträuchern und menschenverlassenen Ebenen kämpfte sich die Mannschaft von Steinwand zu Steinwand, von Plateau zu Plateau. Bis auf wenige Ausnahmen begegneten uns dabei keine anderen Wanderer und die es taten, waren alle auf dem Weg von oben nach unten. In den gut drei Stunden des Aufstieges, die uns alles abverlangten, lernten wir neben vielen zwischenmenschlichen Facetten, die uns enger aneinander schweißten, vor allem eines kennen: Respekt vor dem Wandern und jedem der es betreibt...
...und wäre Bergführer Schober irgendwann einmal während dieser Reise ans Ende der Schlange zurückgefallen, hätte der Mittrainer ihn mit großer Wahrscheinlichkeit mit seinem zerfallenden Schuhwerk erschlagen. So gelangten wir aber ermüdet und am Ende der Kräfte zur Spitze und genossen neben der atemberaubenden Aussicht auch den Sprung ins kühle Nass eines Bergsees, der sich wie aus dem Nichts plötzlich in einer Talsohle ausbreitete.
Am Ende war es ein Erlebnis von dem wir noch lange erzählen werden.
Freitag: Abfahrt
Nach dem obligatorischen Vormittagstraining, in dem angelernte Automatismen in verschiedenen Spielformen noch einmal eingeübt wurden, ging es dann zur Heimfahrt. Das abschließende Spiel gegen Austria Salzburg fiel einem plötzlichen Gewittereinbruch zum Opfer und so gelangten wir mit einigen Stauungen sicher geleitet ans Ziel. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an unseren Busfahrer Bernd Braumüller, der uns nicht nur auf der Fahrt, sondern auch während des Tages mit seiner geselligen Art die Zeit bereicherte. Vielen Dank von uns allen an dich Bernd!
Was vom letzten Tage noch übrig blieb... eine hoffentlich schöne Erinnerung, ein fehlerfreier Elfmeterschütze und ein Spieler, der auf Händen getragen werden muss, zumindest für eine Woche, aber das Tor war klein und die Entfernung groß... was soll‘s... bis nächsten Mal in Obertraun!
Nachtrag
Wenn man als Spieler und Trainer beim SCF aufgewachsen ist und mit sehr talentierten Spielern und so manchem sensationellen Trainer zusammenspielen und arbeiten durfte, ist eine Wandlung in der Jugendarbeit beim Sport Club faszinierend zu bemerken: Wurden zu damaligen Bayernliga Zeiten die A- und B-Jugend (also die Einser Mannschaften) vor allem aus Spielern zusammengesetzt, die sich am Ende oder in einer Talsohle ihrer „Fußballkarriere“ befanden, so ist jetzt genau das Umgekehrte der Fall. Früher kamen vor allem Spieler zum SCF, die ihre Erfahrungen mit Lizenzvereinen schon gemacht haben, dort nicht weitergekommen sind, aus welchen Gründen auch immer, und nun zur nächstbesten Adresse kamen, um noch weiter hochklassig zu spielen. Da außer Starnberg kaum ein nennenswerter Konkurrent in der Umgebung war, konnte sich der SCF immer einer guten Spielerbasis erfreuen. Heute sind wir in der Lage zu sagen, dass viele unserer Spieler gerade erst am Anfang ihres Fußballweges stehen. Viele der Talente können sich berechtigte Hoffnungen machen, in ihrer Zukunft den Sprung in eine semiprofessionelle Mannschaft oder Liga zu schaffen. Die SCF Jugendabteilung hat sich in den letzten Jahren von einem reinen Auffangbecken zu einem Sprungbrett gewandelt.
